Ich lese gerne Leserbriefe

In ihnen wird oftmals die Sicht des Reporters kommentiert, erweitert oder sogar korrigiert. Manchmal sind die Inhalte der Leserbriefe nüchtern und sachlich, aber oftmals spürt man die Wut im Bauch, mit der ein Brief geschrieben wurde. Im Internet heißen diese Leserbriefe "Forenbeiträge" und die meisten Online-Nachrichtenmagazine bieten diese Funktion an. Man kann sich bei dem Magazin anmelden und seinen Kommentar direkt an den Artikel anhängen. Dabei entstehen oftmals Diskussionen, die höchst interessant zu lesen sind.

Seit einiger Zeit allerdings meine ich einen Trend zu beobachten - vor allem bei einem bestimmten rennomierten Magazin - dass Artikel mit mehr oder weniger relevantem Inhalt platziert werden, um genau solche Foren anzuheizen. Der Schreiber streut neben der dürftigen Information noch eine gute Portion Meinung und ein paar geschickt gesetzte Reizworte und schon hat man eine Diskussion in Gang gebracht, die über viele Seiten geht. Vermutlich haben diese Onlinemagazine gewisse Vorteile, wenn sich viele Leute daran beteiligen.

Besonders viel Erfolg scheinen Themen mit religiösem Bezug zu haben. Man setzt Begriffe wie "Christentum", "Kirche", "Schöpfung", "Fundamentalismus" in den Artikel ein und nach wenigen Stunden ist eine große Anzahl von Forumsbeiträgen eingegangen. Viele Beiträge der - oftmals anonymen - Schreiber beginnen in der Art: "Ich bin Atheist und der Meinung, dass die Religionen uns versklaven und die Menschen erst dann frei werden, wenn alle Religionen abgeschafft werden". Man unterstellt den Religionsvertretern Absichten, dass sie Leute arm und dumm halten wollen, um selbst ein sorgenfreies Leben in Reichtum führen zu können.

Nicht dass ich falsch verstanden werde: Alle Situationen und Handlungen, welche Religion dazu missbrauchen, um Menschen zu schaden, müssen öffentlich gemacht und geächtet werden. Menschen, die dafür verantwortlich sind, müssen gegebenenfalls zur Rechenschaft gezogen werden. Ich habe jedoch den Eindruck, dass häufig das berühmte Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird.

Ein besonderes Reizwort ist dabei "Fundamentalismus". Es gibt den politischen Fundamentalismus, bei dem wir an bestimmte amerikanische und auch deutsche Politiker denken, die wir mit dem Begriff "Hardliner" schmücken könnten. Es gibt den islamistischen Fundamentalismus, bei dem wir an Bomben, Kopftuch, Iran und lange Bärte denken und es gibt den Begriff des christlichen Fundamentalismus, bei dem wir an - ja was eigentlich ? - denken.

Als am 22. Juli ein norwegischer Massenmörder seine brutalen und menschenverachtenden Taten vollbrachte, wurden diese zunächst den islamistischen Fundamentalisten zugeordnet und dann - einem christlichen Fundamentalisten. Bar jeder Sachkenntnis haben Onlineschreiber diese Vermutung als Tatsache dargestellt und in Diskussionsforen wurde sogleich die Abschaffung aller Religionen gefordert, weil Religion fanatisch machen würde und nur durch ihrer Beseitigung wahre Freiheit zu finden sei. Wie auch immer das Weltbild des Attentäters aussieht, auf das Christentum kann er sich nicht berufen. Wenige Onlinemagazine haben ihre erste Einschätzung offen korrigiert, doch die meisten haben ihre Meinung stehen lassen. So wurde durch Gerüchte, Meinungen und - wie sich herausstellte - Falschmeldungen ein nicht greifbarer Dunstkreis geschaffen, der Angst vor allem Religiösen macht und unter dem Namen christlicher Fundamentalismus subsummiert wird.

Das ist schade. Mit Fakten kann man sich auseinandersetzen. Man kann sie analysieren, bewerten und sich danach eine fundierte Meinung bilden (Huch! Schon wieder Fundament...) - gegen Gerüchte, Stimmungen und Ahnungen hat man keine Chance. Anscheinend herrscht die Tendenz - sowohl in einigen Artikeln als auch in manchen Leserbriefen - mangelndes Wissen durch eigene Meinungen zu ersetzen. Das ist eine Besorgnis erregende Entwicklung, weil mit Gerüchten und Meinungen Stimmung gemacht werden kann.

Ich bitte Sie sehr herzlich, sich durch Berichte, die mit "heißer Nadel" gestrickt wurden, nicht verunsichern zu lassen. Ein Bericht, der - wie im obigen Beispiel - Täter, Motive und Ablauf bereits am Tage des Geschehens auflistet und bewerten kann - wie glaubwürdig ist der? Prüfen Sie selbst und fragen Sie sich beim Lesen immer: Wer hat was gesagt und wird sachlich berichtet, oder Stimmung gemacht?

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Tag!
M. Schill