Christ werden

Ich wurde am 1961 nach meiner Zwillingsschwester, mit der ich in ganz besonderer Weise verbunden bin, geboren. Unser Bruder war gut ein Jahr älter, 7 Jahre später bekamen wir noch eine kleine Schwester.

Meine Eltern legten Wert auf eine katholische Erziehung, so war mein Patenonkel katholischer Priester. Wir wuchsen unbeschwert und geborgen auf. 1969 zog die Familie in die USA, weil mein Vater dort beruflich zu tun hatte.

Als wir 8 1/2 Jahre alt waren änderte sich unser Leben schlagartig. Wir wollten in die Ferien fliegen und sollten von einem Fahrer zum Flughafen gebracht werden. Auf dem Weg dorthin passierte der entsetzliche Autounfall, bei dem unser Fahrer und meine Mutter getötet wurden, mein Vater und meine kleine Schwester, damals 11 Monate alt, schwerst verletzt. Durch ein Wunder blieben wir drei Geschwister nahezu unverletzt. Meine Mutter hatte versucht, meine kleine Schwester zu schützen.

Mein Bruder und wir Zwillinge wurden in Deutschland zunächst bei Verwandten untergebracht, bis mein Vater nach Monaten mit meiner kleinen Schwester aus den USA zurückkam. Als es ihm wieder so gut ging, dass er arbeiten konnte, lebten wir Kinder mit ihm zusammen. Öfter wechselnde Haushälterinnen versorgten uns und natürlich auch die Verwandten, so gut es ging. Wir Kinder haben einen sehr starken Zusammenhalt in der Familie erleben dürfen, was uns oft getröstet hat. Ich möchte noch erwähnen, dass meine kleine Schwester wieder ganz gesund geworden und heute selber Mutter von Zwillingen ist.

Mein Vater war jedoch zunehmend mit unserer Erziehung überfordert und engagierte daher eine junge Musikstudentin, die mehrmals in der Woche kam, um sich um uns zu kümmern und nebenbei auch Klavierunterricht zu geben. Wir Zwillinge waren damals 11 Jahre alt. Mit Fräulein Klapper, die in einer Pfarrersfamilie mit gläubigen Eltern aufgewachsen war, freundeten wir uns schnell an und mochten sie immer mehr. Auch mein Vater schätzte sie zunehmend, was wir bald eifersüchtig feststellten.

Unser Wunsch nach einer Mutter war schließlich doch so groß, dass wir uns dann riesig freuten, als mein Vater zwei Jahre später Fräulein Klapper heiratete. Sie war damals erst 23 Jahre alt, mein Vater 39 und sie hat die Herausforderung, vier Kinder zu erziehen, von denen drei in der Pubertät waren, nicht nur mit Freuden angenommen, sondern auch ganz hervorragend gemeistert.

Wir bekamen noch drei Schwestern, die wir Zwillinge als richtige Geschenke empfanden. So sind wir zusammen 7 Kinder, ein Bruder und sechs Schwestern. Meine neuen Großeltern sind die ersten gläubigen Christen, die ich kennengelernt habe. Sie beteten frei und nicht in vorgefertigten Gebeten, wie es in der katholischen Kirche üblich ist. Neu für uns Kinder war auch die Art, wie die Großeltern von Jesus Christus als ihrem Retter sprachen, und mein Großvater betonte immer wieder, dass es eine Gnade sei, glauben zu dürfen.

Ich zweifelte nie daran, dass es Jesus gibt, aber er war so unerreichbar. Außerdem war ich davon überzeugt, dass man sich die Gnade des Glaubens erst verdienen müsse. Ich kam mir so unbedeutend vor und hatte selbst nichts zu bieten, was Gott irgendwie interessieren konnte, ganz im Gegensatz zu meinem Großvater, der in meinen Augen wirklich ein Mann Gottes war. Aber rückblickend weiß ich, dass ich von da an auf der Suche war.

Mein Mann und ich lernten uns in Heidelberg während des Studiums kennen. Wir heirateten 1991 und bekamen schließlich zwei Kinder. Da mein Mann auch katholisch war, sollten die Kinder früh in die Kirche eingebunden werden. Gleichzeitig wollte ich meinen Kindern Glauben vermitteln, aber ich war ja selber noch sehr auf der Suche nach so etwas wie einer „Glaubenssubstanz“.

Bald lernte ich eine andere junge Mutter kennen. Sie fiel mir auf, weil sie anders war, irgendwie strahlte sie einen Frieden aus. Ich erfuhr, dass sie Christin ist, war aber ein bisschen auf der Hut, weil sie keiner Kirche angehörte. Einige Monate später meinte sie, sie würden einen Hausbibelkreis gründen und mich gerne dabeihaben. Ich hörte mich spontan zusagen, worüber wir beide erstaunt waren. Das Johannesevangelium sollte gelesen werden.

Die Montagabende bei meiner neuen Freundin und ihrem Mann wurden mir bald sehr wichtig. Zwei Dinge lernte ich am ersten Abend:
1.) die Bibel als Gottes Wort ist die einzige verbindliche Wahrheit und Richtschnur in allen Glaubensfragen (in der katholischen Kirche ist sie eine von mehreren gleichwertigen Säulen) und
2.) Gott spricht in jedem Vers zu uns, deshalb wird sie genau gelesen, ohne sie vorschnell durch "Sekundärliteratur" zu interpretieren.

Ich konnte mich guten Gewissens darauf einlassen, weil ausschliesslich der Bibeltext gelesen wurde und somit keine Gefahr vor „Irrlehren“ bestand.

Am 8. Dezember kamen wir an die Stelle, in der der Herr Jesus zu Nathanael sagt, dass er ihn schon vorher gesehen hätte, bevor Philippus ihn rief (Joh 1,48). Diese Antwort hat mich im Innersten getroffen, weil ich in dem Augenblick begriff, dass der Herr auch mich sah, kannte und schon immer gekannt hatte! Und er rief mich in dem Moment, in dem mir das klar wurde. Natürlich nahm ich sein Angebot an!

In den folgenden Tagen und Wochen haben mit mir meine Freunde und "geistlichen Eltern" mit größter Geduld meine vielen Fragen beantwortetet, mir Zusammenhänge erklärt und mit mir gebetet. Ich begriff, dass meine jahrelange Suche zu Ende war. Ich kaufte mir eine Bibel und las, las, las, bis ich das ganze NT durch hatte.

Die Bibel war nicht mehr länger ein „geistlicher Knigge“, wie ich sie vorher gesehen hatte, sondern Gott schenkte mir gleich so viele wunderbare Momente, in denen er zu mir durch sein Wort sprach.
Ich hatte Gott von seiner liebenden Seite kennengelernt, dass ich auch seine Vergebung brauchte, wurde mir erst nach und nach klar - ein lebenslanger Prozess. Außerdem "musste" ich damals allen Menschen in meiner Umgebung von meinen Erlebnissen mit Gott erzählen, ob sie´s nun hören wollten oder nicht.

Seit April 1998 besuchte ich zunächst sporadisch, dann regelmäßig eine Christliche Gemeinde. Schließlich durfte ich erkennen, dass es Zeit war, mich taufen zu lassen und aus der katholischen Kirche auszutreten.

Rückblickend weiß ich, dass der Herr Jesus schon viele Jahre vor meiner Bekehrung an mir gearbeitet hat, mir in seiner Liebe nachgegangen ist und sowohl meine Großeltern als auch später meine Freundin „gebraucht“ hat, um mich zu sich zu ziehen.

Die Gewissheit, dass er immer schon meinen Lebensweg in seiner Hand hatte, hat mich mit meiner Vergangenheit, mit dem Verlust meiner Mutter, ganz versöhnt. Und in den letzten 12 Jahren, in denen ich im Glauben wachsen durfte, hat der Herr mir so viele Beweise seiner Liebe gegeben, dass ich manchmal ganz überwältigt bin.

Natürlich bleiben auch Schwierigkeiten und Anfechtungen nicht aus, aber in der Zuversicht, dass der Herr mich in allem begleitet, lohnt sich selbst der schwierigste Weg. Zudem vertraue ich fest auf Sein Wort:

Aber Gott ist treu, der euch nicht versuchen lässt über eure Kraft, sondern macht, dass die Versuchung so ein Ende nimmt, dass ihr´s ertragen könnt. 1. Korinther 10,13b

U.K.